2024 traf ich auf dem Festival en chanson in Petite-Vallée immer wieder auf eine bestimmte Gruppe von Musikerinnen und Musikern. Sie unterhielten frühstückendes Publikum im Camp chanson, hatten einen großen Auftritt im Festivalzelt und waren auch bei weiteren Auftritten präsent. Sie waren die Teilnehmenden an Petite-Vallées Escales en chanson, einem Programm, das so alt ist wie das Festival und dem musikalischen Nachwuchs die Möglichkeit bietet, sich dem professionellen und breiten Publikum vorzustellen. In diesem Jahr waren es Velours Velours, Sarah Contour, FROU, Bagaï, Louve Saint-Jeu, Émile Bourgault, Maude Evelyne und Feu toute!, wobei mich Feu toute! mit ihrer Performance, ihrem Stil und ihren Texten am meisten beeindruckt hat.
Hinter Feu toute! steckt Cynthia Veilleux, die vorher mit Sonia Brochet als das Duo Garoche ta sacoche unterwegs war. Ab 2017 suchte die Singer-Songwriterin nach einem passenden Soloprojekt und veröffentlichte im April 2021 als Feu toute! mit PARADE NUPTIALE (DANCE WITH ME) ihr Debütalbum. 2022 ging sie damit auf Tour, spielte auf Festivals wie dem Coup de cœur francophone. Im November 2023 folgte die EP VITESSE GRAND V. Bevor das Festival zu Ende ging, sprach ich mit Feu toute!.

© J.Dummer

Du bist eine der Chansonneure der Escales en chanson und hattest mit deinen Kolleginnen und Kollegen mehrere Auftritte auf dem Festival en chanson. Was musstest du tun, um dabei zu sein?

Cynthia: Um an den Escales en chanson teilnehmen zu können, musste ich mich als erstes anmelden und eine Präsentationen von mir und dem, was ich tue, einreichen. Unter den Einreichungen wurde dann eine Vorauswahl getroffen, in die ich es geschafft hatte. Darauf folgte ein Vorspielen in einer kleinen Bar und vor Publikum, in meinem Fall in Montréal und solo, und ich habe es geschafft.

Wie ging es dann weiter?

Cynthia: Die Escales erstrecken sich über drei Etappen. Die erste fand in Notre-Dame-des-Prairies statt, wo wir gemeinsam unseren Auftritt erarbeitet haben. Den, den wir auch hier am vierten Tag auf die Bühne gebracht haben. In Notre-Dame-des-Prairies haben wir uns das erste Mal getroffen und hatten auch verschiedene Werkstätten. Wir waren in zwei Gruppen aufgeteilt. Während sich die eine Gruppe morgens zu einer Werkstatt traf, übte die andere die Songs der Teilnehmenden, weil wir uns untereinander begleiten. Nach Notre-Dame-des-Prairies ging es für uns nach Québec. Dort schrieben wir an neuen Songs. Die letzte Etappe führte uns nach Petite-Vallée ins Café der Alten Schmiede während des Festivals. Das ist eine lange, intensive Zeit im Sommer, fast ein Monat, in dem wir eng zusammengearbeitet haben.

Während des Festivals wurden euch mehrere Auszeichnungen verliehen, die sicherlich auch eine finanzielle Hilfe darstellen.

Cynthia: Ich habe nebenher sonst einen Teilzeitjob, in diesem Sommer aber nicht. Hauptberuflich mache ich Musik, aber um mein Projekt finanzieren zu können, muss ich noch arbeiten gehen. Die Auszeichnungen sind wichtig, weil es sonst auch schwierig ist, Stipendien und weitere Förderung zu bekommen. Sie helfen beim Weitermachen, sind eine Ermutigung und geben einem den nötigen Schwung für die Zeit danach. Für gewöhnlich arbeitet man oft allein, und hier triffst du dann Menschen und denkst dir: „Ok, das ist schön“. Das bestärkt dich dann, weiterzumachen.

Es sind so viele Preise. Welche nimmst du mit?

Cynthia: Ich habe den Prix ROSEQ bekommen, was bedeutet, dass ich im Herbst 2025 vor Branchenpublikum aus dem Osten – also der Gaspésie und der Côte Nord – und aus Québec auftreten werde. Ich werde sehen, ob ich sie von meinem Auftritt und mir überzeugen kann. Danach habe ich den Prix SACEF bekommen, dank dem ich 2025 einen bezahlten Auftritt im Saal Claude Léveillé des Place des Arts haben werde. Es ist ein überschaubarer Saal mit ungefähr 122 Plätzen. Und dann habe ich noch das Pauline Julien-Stipendium bekommen und den Publikumspreis. Ich wurde ziemlich verwöhnt. Es war sehr rührend. Bei allen Auszeichnungen wurde mir warm ums Herz, doch der Publikumspreis sorgte für eine ganz besondere Wärme.

Meine Stimme ging auch an dich.

Cynthia: Danke! Ich mache mein Projekt zuallererst für mich, ohne dabei einen besonderen Stil zu verfolgen. Ich lasse einfach raus, was raus will. Aber ich mag die Begegnung mit dem Publikum und die Konzerte. Das ist es, was mich motiviert, und mich antreibt. Ich mag einfach Menschen. Die Möglichkeit zu haben, sie zu treffen und von ihnen ein „Yeah“ zu hören, berührt mich.

Wie sieht es damit in Montréal nach der Pandemie aus? Gibt es für neue musikalische Projekte noch Raum, Lieder vor Publikum zu testen und Bühnenerfahrung zu sammeln?

Cynthia: Ja schon, aber nicht gerade an vielen Orten. In Montréal, aber auch außerhalb, werden häufig etablierte Leute gebucht. Wenn du ein neues Projekt hast, das du vorstellen möchtest, ist es schwierig. Programme wie Escales sind da echt super. Ich wollte mein Projekt dem Publikum zeigen und weitermachen. Ich möchte immer wachsen und mich in der Branche weiterentwickeln und dazulernen. All das ermöglicht das Programm. Du bekommst dadurch Zugang zum Publikum, kannst sagen: „Hallo, das ist mein Projekt.“ In Montréal gibt es Orte, an denen das auch möglich ist, etwa in einer kleinen Bar in der Nähe meiner Wohnung, wo du solo oder als Duo dein Material testen kannst, oder in der Aquarium Café Bar, dem Quai des brûmes, der P’tit bar auf Saint-Denis, um ein paar zu nennen. Im Dépanneur café kannst du zur Mittagszeit auftreten. Aber das war es dann auch schon. Dennoch es ist gut, dass du an solchen Orten dein Material testen und dir langsam ein Publikum aufbauen kannst.

Erzähl mir von deinem Projekt Feu toute!, mit dem du bereits ein Album und eine EP herausgebracht hast.

Cynthia: Genau, es gibt bereits ein Album und seit November 2023 eine EP. Feu toute! – nach dem Namen habe ich übrigens lange gesucht. Es hat ein Jahr gedauert, bevor ich ihn gefunden habe. Anfangs hatte ich etwas anderes im Kopf, was sich dann in eine andere Richtung entwickelt hat. Nach dem Ende meines vorherigen Projekts, habe ich nach meinem Feuer, nach meiner Leidenschaft gesucht. Als ich dann auf Feu toute! gekommen bin, die ersten Songs geschrieben habe, wollte ich sicherstellen, Spaß zu haben, sowohl beim Schreiben, als auch auf der Bühne. Alles sollte mir Spaß bereiten. Und das hat mein Feuer entfacht: Feu toute! Das „Feuer“ steht für Leidenschaft, und „alles“ für überall. Und dann noch das Ausrufezeichen am Ende. Ich habe die Aufnahmen für mein erstes Album 2020 abgeschlossen, stand zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Mal damit auf der Bühne. Als ich sie abgeschlossen habe, waren quasi die letzten Tagen, an denen man sich noch treffen durfte vor der Pandemie. Danach hat es echt lange gedauert, bis ich es rausgebracht habe. Das war dann 2021, und ich habe alles in die Länge gezogen. Weil ich zuvor damit noch nicht auf der Bühne gestanden habe, musste ich mich mit dem Projekt erst bekannt machen. Nach der Pandemie habe ich ein erstes Konzert gegeben und mitbekommen: „Aha, das ist also die Energie live. Das ist das Projekt.“ Das hat gut getan und mein Projekt konkretisiert. Ich habe die Songs performt, und im November 2023 folgte die EP. Was ich heute auf der Bühne mache, wird ihr gerecht. Die EP ist direkter, und auch präziser. Ich bin stolz auf beide Veröffentlichungen, finde aber, dass die EP direkter und klarer ist im Bezug auf das, was ich mache.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Welche Art Musik machst du?

Cynthia: Ich würde sagen Rock, auch wenn das, was ich mache, Chanson bleibt. Manchmal sage ich auch „leicht durchgeknallt“, aber da bin ich mir nicht mehr sicher … das trifft es nicht ganz. Manchmal ist meine Musik auch engagiert. Aber ich möchte nicht immer daran denken müssen, wenn ich schreibe. Ich möchte nicht immer engagiert sein müssen. Kurz gesagt also Rock-Chanson.

Du sprachst vorhin von Energie und Leidenschaft. Beim Hören deiner Songs, bekam ich auf jeden Fall Lust, mich zu bewegen.

Cynthia: Auch das, ja. Wie gesagt: ich will Spaß haben, daher passt energiegeladener Rock. Ich will Spaß haben. Der Spaß treibt mich in der Musik an. Auch bei den erwähnten Konzerten geht es darum, Spaß zu haben. Spaß ist die Basis des Ganzen.

Würdest du sagen, dass deine Texte in der Gegenwart verwurzelt sind?

Cynthia: Ja, oftmals enthalten die Texte Dinge, die in meinem Inneren nachklingen und dann irgendwann ausbrechen. Manchmal haben sie etwas Engagiertes, etwa wie in „L’indétrônable“ auf meinen Debütalbum. Ich habe den Song kurz nach #metoo und mit Herrn Trump in den USA geschrieben. Solche Dinge hallen in mir nach und müssen manchmal raus. „Laids“ verweist auf die Sozialen Netzwerke, in den wir die ganze Zeit unterwegs sind. Für anderes bleibt da kaum noch Zeit, wie etwa miteinander reden, wie wir gerade, was dann ein anderer, ein größerer Winkel ist, den wir vergessen. Manchmal nimmt Social Media in unseren Beziehungen einen zu großen Platz ein. Ich finde uns dann hässlich, klammere mich selbst da gar nicht aus. Wir tun es alle. So was fließt in meine Songs ein. „Aimerais-tu mon corps“ auf meiner EP nimmt Bezug auf körperliche Veränderungen, die wir alle durchleben, wenn wir altern, und auf die Hoffnung, dass uns unser Gegenüber weiterhin begehrt. Solche Dinge, ob ich will oder nicht, nehme ich in mir auf, verdaue sie, während sie durch meinen Körper wandern, aber daraus werden nicht immer persönliche Texte in der Ich-Form.
Ich möchte noch etwas zu „Houston“, ebenfalls auf meiner EP, sagen. Diesen Song mag ich besonders. Ich habe ihn während der Pandemie geschrieben. Ich habe mich, wie glaube ich viele Menschen, manchmal mit einem Gläschen betäubt. Er handelt von dem Bedürfnis nach dieser Art von Leichtigkeit. Ähnlich wie es in „Louise Lecavallier“, auch auf der EP, um Verlangen geht. Verlangen ist vielleicht zu stark, eher um das Gefühl nach: „Hey, können wir uns einfach so akzeptieren wie wir sind. Natürlich gibt es um dich herum einen Menschen, der in jener Sache hotter ist, und einen anderen, der in dieser Sache hotter ist, aber sonst sind wir, was wir sind. That’s it. Akzeptieren wir uns und bekennen wir uns dazu.“

Wie geht es nach den Escales für dich weiter?

Cynthia: Ich war mit meinem alten Projekt schon mal in Europa unterwegs und würde dort gern mal wieder auftreten. Ich werde sehen, wohin mich das Leben führt. Ich habe Lust auf Begegnungen mit dem Publikum, darauf, Menschen zu treffen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, das alles auf sehr menschliche Art und Weise. Nach dem Festival habe ich bis in den Herbst Auftritte. Ich habe auch Lust aufs Schreiben und habe damit schon angefangen. Ich arbeite an meiner nächsten EP, die wahrscheinlich 2026 kommen wird. Aber ich will mir keinen Druck machen, mir Zeit lassen, bis ich Songs habe, bei denen ich stolz sagen kann: Das sind sie. Im Mai 2025 werde ich dank einer Förderung erarbeiten, wie ich meine neuen Songs auf der Bühne präsentiere. Ich möchte sie zunächst live spielen, bevor ich ins Studio gehe. So wird die EP sich selbst gerechter. So habe ich es auch schon bei VITESSE GRAND V gemacht, habe die Songs erst live performt, bevor ich sie aufgenommen habe, wodurch sie besser geworden sind. Ich freue mich auf diese geförderte Möglichkeit und das ROSEQ-Showcase, was toll ist. Es geht einfach immer weiter.