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Das Reeperbahn Festival ging in Hamburg vom 20. bis zum 23. September 2017 in seine zwölfte Runde. Durch den thematischen Länderschwerpunkt rückte die kanadische Musikszene in den Vordergrund, von der in den letzten Jahren bereits einige erfolgreiche Bands und Singer-Songwriter auf dem Festival gespielt haben. Drei Tage lang präsentierten sich im Kukuun (Klubhaus St. Pauli) Acts unterschiedlicher musikalischer Genres, die auch andere Locations des Festivals bespielten, Open Air z.B. auf dem Dach des Fritz Cola-Containers im Festival Village.

Am Donnerstag traten im Kukuun, das für den Anlass zum Canada House wurde, One Bad Son aus Saskatoon, Grand Analog aus Toronto und La Bronze aus Montréal auf. Am Freitag startete nach dreistündiger Zugfahrt von Berlin nach Hamburg meine Erkundung des Festivalgeländes. Ich lief als erstes durch das Festival Village, das um die Mittagszeit noch wenig besucht war. Auf einladenden Sitzgelegenheiten aus Paletten rund um ein aufgestelltes Wasserbecken, in dessen Mitte eine Fontäne angebracht war, nahm ich Platz und ließ die Eindrücke wirken. Aliocha, der um 13 Uhr auf der Fritz-Bühne spielen sollte, hatte bereits mit seiner Band Position bezogen und erledigte den Soundcheck. Die Wolkendecke war kompakt, die Temperaturen okay und der Regen hielt sich zurück.

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Mit leichter Verspätung startete Aliocha seinen Auftritt, der letzte von insgesamt vier in Hamburg. Unterstützt von seiner Band, in der sein Bruder Volodia Schneider am Schlagzeug saß, spielte er „Sarah“, „Sorry eyes“, „Jamie“ und weitere Songs von seinem Debütalbum, das diesen Sommer herausgekommen ist.

Im Anschluss ging ich über den Spielbudenplatz ins Canada House, wo Port Cities aus Nova Scotia ihr Showcase gaben. Die drei Songwriter Carleton Stone, Dylan Guthro und Breagh Mac Kinnon haben sich bei einem Workshop kennengelernt. In den letzten Jahren ist das Trio zusammengewachsen und hat mit „Back to the bottom“ einen ersten gemeinsamen Song aufgenommen. Vor kurzem kam ihr Debütalbum heraus, das durch dieses Lied eröffnet wird. Mit einer kleinen Auswahl an Songs wie „On the nights you stay at home“, „Half the way“ und „Sound of your voice“ zeigten sie, was sie musikalisch drauf haben.

Im Mad Hatter wurde am Nachmittag ein Songwriter-Camp mit kanadischen und deutschen Songwritern vorgestellt, das zuvor in Berlin stattgefunden hat. Songwriter des kanadischen und deutschen Musikverleger-Verbands haben gemeinsam an Songs gearbeitet, die wohl demnächst zu hören sein werden. Eine der Teilnehmerinnen aus Kanada war Camille Poliquin alias KROY. Auf dem Reeperbahn Festival hätte sie eigentlich mehrere Auftritte gehabt, aber ihr Musikequipment ist nicht mit ihr in Deutschland angekommen, sondern erst einmal verschollen. „Ich bin am Berliner Flughafen angekommen. Den Koffer mit meinen Klamotten habe ich bekommen, aber selbst nach einer Stunde Wartezeit gab es keine Neuigkeiten über meine Ausrüstung, die ich für meine Auftritte brauche“, erzählte mir Camille kurz nach der Veranstaltung. „Die Fluggesellschaft weiß immer noch nicht, wo meine Sachen sind.“ Ohne Ausrüstung keine Konzerte also. Und ohne Neuigkeiten stehen auch die Auftritte als KROY und Milk & Bone nach ihrer Rückreise nach Kanada auf der Kippe. Nach dem Festival folgte die Erleichterung: Ihre Ausrüstung wurde in Bristol lokalisiert. Nachdem sie in Berlin mit fremden Leuten gemeinsam Songs geschrieben hatte, was, wie sagte, eine coole Erfahrung gewesen sei, begrüßte sie das Hamburger Publikum, das sie auf der Bühne sehen wollte also ohne musikalische Performance. Dennoch knüpfte sie Kontakte. „Wenn alles gut geht, komme ich bald wieder und werde auftreten“, kündigte sie optimistisch an.
Ihre Anfänge im Musikgeschäft machte sie, als sie David Giguère als Backgroundsängerin begleitete, als dieser gerade an seinem Debütalbum arbeitete. Während der Aufnahmen war sie involviert und merkte, dass ihr das gut gefiel. Nach dem Release von David Giguères Album ging sie mit ihm, und später auch mit anderen Bands, auf Tour. So bekam sie das nötige Selbstbewusstsein, um ihre eigenen Songs, die schon in der Schublade lagen, fertigzustellen und zu veröffentlichen, erklärte sie. Sie brachte ihre erste EP als KROY selbst heraus. Dann startete sie das Projekt Milk & Bone. Beide Projekte laufen gut. Auf die Frage, ob es schwierig sei, das Songwriting für die Projekte auseinanderzuhalten, antwortet sie: „Ich denke, dass sich beide Projekte gegenseitig fördern. Wenn ich Songs für KROY schreibe, ist das ein anderer Prozess als wenn ich Lieder für Milk & Bone schreibe. Da sind wir ja auch immerhin zu zweit. Die Schwierigkeit besteht darin, mit beiden Projekte unterwegs zu sein und das zeitlich gut zu managen. Dass ich bei zwei verschiedenen Labels bin und mit zwei Teams arbeite, hilft dabei, das Ganze zu koordinieren.“ Ihr Debütalbum SCAVENGER, das vor einem Jahr auf den Markt gekommen ist, handelt von Einsamkeit, Überfluss und Enttäuschung. „Ich habe Songs geschrieben, die ziemlich düstere Themen zum Inhalt haben, die ich aber mit einer Sanftheit erschließe“, fasst Camille zusammen und ergänzt: „Ich bin eigentlich nicht so düster. Ich habe eine dunkle Seite, der ich mich mit diesem Projekt zuwenden kann, aber ich habe das Gefühl, dass ich dadurch das Leben leichter angehen kann.“ Man darf gespannt sein, was es von KROY als Nächstes zu hören gibt. Für 2018 ist das neue Album von Milk & Bone angekündigt. Für KROY hat sie neue Songs in der Mache, die vielleicht auf einer EP erscheinen werden. Die nötige Ausrüstung für die Umsetzung hat sie glücklicherweise ja wieder in den Händen.

Als ich ins Kukuun zurück kam, spielten Mauno aus Halifax und The Brood, ebenfalls aus Halifax. Die Band besteht aus dem Sänger und Keyboarder Siobhan Martin, dem Bassisten Billy Taylor-Habib, der Gitarristin Seamus Erskine und dem Schlagzeuger Matt Gallant und ist ein abgedrehter Haufen, der lustige Songs wie „All debit no credit“ auf ihrer EP DERANGED LOVE veröffentlicht hat. Sie sind abwechslungsreich unterhaltsam und musikalisch nicht auf einen Stil festzuschreiben.

Am letzten Tag des Reeperbahn Festivals lockte bei bestem Wetter u.a. FOONYAP aus Calgary mit ihren düsteren Klanglandschaften, die unterhaltsame Singer-Songwriterin Megan Nash aus dem ländlichen Mortlach und Close Talker aus Saskatoon, deren Mitglieder sich schon seit Kindertagen kennen, viele Festivalgänger ins Kukuun. Der Andrang war teilweise so groß, dass der Einlass gestoppt werden musste. Mit dem Auftritt der Kanadierin mit schwedischen Wurzeln Sarah MacDougall gingen die Showcases zu Ende. Am Abend standen dem Festivalgänger noch die Konzerte von Le Trouble im Terrace Hill und Owen Pallett in der Elbphilharmonie zur Auswahl.

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