Als ich das Line-up kanadischer Musiker beim diesjährigen Reeperbahn Festival in Hamburg las, erinnerten mich allein schon die Städte ihres musikalischen Schaffens an meine transkanadische Reise im Jahr 2008: Halifax, Montréal, Toronto, Calgary, Edmonton, Regina, Vancouver, das sind die Städte, die damals auf meiner Route von der Ost- zur Westküste lagen. Am vergangenen Donnerstag standen u.a. auf dem Programm im Neidklub JF Robitaille (Montréal), EH440 (Toronto), Boreal Sons (Calgary), Chic Gamine (Winnipeg/Montréal), Owls by Nature (Edmonton), Mahogany Frog (Winnipeg) und Klô Pelgag (Montréal). Den Tag darauf folgten weitere 10 Bands aus den unterschiedlichsten Teilen Kanadas und boten insgesamt eine musikalische Reise quer durch das Land.

Doch bleiben wir bei Donnerstag. Es war 12.15 Uhr. Die Sonne schien in Hamburg. Es war ein schöner Spätsommertag, an dem JF Robitaille im Neidklub auf die Bühne trat und den Showcase einleitete. Der Neidklub war an diesem Donnerstag nur eine Location, an der das Newcomer-Festival mit internationaler Ausrichtung, das es seit 2009 in Hamburg um St. Pauli gibt, stattfand. JF Robitaille ist Singer-Songwriter aus der nordamerikanischen Metropole Montréal, in der es eine Straße Namens Saint Catherine gibt, über die er einen Song geschrieben hat. „Saint Catherine“ stammt von seinem aktuellen Album RIVAL HEARTS. Daneben spielte er auch Songs wie „Modern love song Part 1“ von dem bereits 2011 erschienenen Album CALENDAR.

© J. Dummer

Das Spannende an solchen Showcase-Festivals ist, dass man als Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen werfen kann und ganz nah dran an den Abläufen ist. Während man bei normalen Konzerten zwar nach der Vorband den Umbau der Bühne mitbekommt, ist man hier auch beim Soundcheck dabei und bekommt die letzten Minuten mit, bevor die Band, die eben noch selbst auf der Bühne ihre Musikinstrumente eingespielt hat, auf die Bühne kommt. Es folgt der Moment, an dem keiner mehr herumwuselt und alle auf den richtigen Auftritt warten. Wie schafft man nun einen gelungenen Auftritt, hatten einen doch eben die Leute schon auf der Bühne gesehen? Bei Klô Pelgag gelang das durch extravagante Bühnenoutfits, in die sich alle geschmissen hatten. Begleitet von Vogelgezwitscher bahnten sie sich ihren Weg durch den für die Mittagszeit gut gefüllten Club. Die junge Singer-Songwriterin aus Montréal trug einen schwarzen Overall, auf dem ein Skelett prangte wie schon im Sommer zum Eröffnungskonzert der FrancoFolies de Montréal. Ihre drei Musikerinnen Fany Fresard, Élyzabeth Burrowes und Maude Desrosiers waren in weiße Roben gekleidet, während die beiden Musiker dezentere Overalls trugen.

Nach den ersten beiden Songs „Les corbeaux“ und „Le dermatologue“ begrüßte die Singer-Songwriterin das Publikum in einem sympathischen Englisch, das wie für uns Deutsche eine Fremdsprache ist. Dann glitten ihre Finger wieder über die Tasten des Keyboards oder die Saiten ihrer Gitarre. Immer wieder suchte sie auch den Blickkontakt zu ihren Musikern.

© J. Dummer

Mit ihnen ist sie schließlich eine ganze Weile unterwegs und erobert nach und nach das Publikum in Europa. „Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir viel Glück haben, mit unserer Musik umherreisen zu können. Diese „Arbeit“ machen zu können ist schön; diese Leidenschaft, die viele haben, können nicht alle so realisieren“, verriet mir Chloé, wie Klô Pelgag eigentlich heißt, im Anschluss an das Konzert. Woher kommt diese Energie, die sie auf der Bühne nach all diesen Auftritten noch hat? Sie sagt, dass sie jedes Mal so zufrieden ist, auf einer Bühne zu stehen, dass sie immer präsent ist. Und wenn sie mal zu schlapp sein sollte, findet sie Motivation ein bisschen überall sowie bei ihren Musikern und auch beim Publikum.

Die Stimmung bei diesem Auftritt stimmte. Alle waren gut drauf und offen für die nächsten Songs wie „Comme des rames“, „Tunnel“ und „Rayon X“. Es sind Songs, die eine starke Aussage haben, die man auch in den Gesichtszügen der Sängerin erkennen kann, die sie mit sehr viel Gefühl singt. Hier und da überraschten Wechsel im Rhythmus oder ein abruptes Ende eines Songs. Es war ein Auftritt, der neugierig machte, so dass der eine oder andere sogar im Booklet des Albums L’ALCHIMIE DES MONSTRES mit las.

Während mein Favorit der vorletzte Song ihres Showcases „Rayon X“ war, hat Klô Pelgag keinen bestimmten Song, den sie am Liebsten spielt, obwohl, manchmal freut sie sich, dass gleich der eine gewisse Song kommt. Zum Abschluss ihres ersten richtigen Konzerts in Deutschland spielten sie „La fièvre des fleurs“ und wurden mit reichlich Beifall belohnt. Klô Pelgag beschrieb mir ihren ersten Auftritt in Deutschland so: „Vor einem Publikum aufzutreten, das nicht meine Sprache spricht, ist immer etwas beängstigend. Gerne würde ich Deutsch sprechen können aber die Sprache ist sehr schwer.“ Aber das Wichtigste hatte sie ja parat: „Hallo.“ „Ich liebe dich.“ und „Tschüss.“ Und „Tschüss.“ hieß es nun wirklich, denn nachdem die Band nach ihrer Ankunft am Vortrag aus Zürich und einem kurzen Mittagsschläfchen Zeit hatte, Hamburg zu erkunden, ging es nur wenige Stunden nach dem Auftritt wieder zum Flughafen. Es folgen weitere Konzerte in Frankreich, bevor es Mitte Oktober kurz wieder nach Québec geht. Zum Schluss hat sie mir noch verraten, dass sie gerade an einem Song schreibt, in dem sie sich in jemanden versucht zu versetzen, der mit seinen Augen nicht sehen kann. Ich bin gespannt, wie es mit Klô Pelgag weitergeht. Vielleicht steht demnächst eine Tour durch Deutschland an.

Was den weiteren Verlauf im Neidklub anging, hörte ich die letzten Songs von The Red Horse Revelation aus Toronto, schaute mir die Konzerte von Jordan Klassen und den Boreal Sons an, die angekündigt wurden als Band, die im Kommen ist. Vor einem richtig gut gefüllten Club, in der die Sonne weiterzuscheinen schien obwohl sie draußen bereits untergegangen war, spielten dann noch Chic Gamine, Owls by Nature, Mahogany Frog und Dearly Beloved. Im Zug von Hamburg nach Berlin schwirrte mir allerdings der eine oder andere Song von Klô Pelgag, die ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal drinnen und zum ersten Mal live in Deutschland gesehen hatte.

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