Vor zwei Jahren hörte ich das erste Mal auf den FrancoFolies de Montréal von Safia Nolin. Damals wurde sie von Jean-Michel Pigeon von Monogrenade auf die Bühne geholt, um mit ihnen den Song „Labyrinthe“ zu performen. Im Jahr darauf galt sie bereits als die neue Stimme in Québec und ohne dass ihr erstes Album bereits veröffentlicht war, spielte sie am Nachmittag ein halbstündiges Set. Ein paar Monate später war das Album mit dem Titel LIMOILOU endlich auf dem Markt und überall redete man von der jungen Sängerin, die ihre eigenen Texte schreibt und sich das Musik machen selbst beigebracht hat. Ihr erster eigener Song war „Igloo“ und dieser steht gerade als bester Song für den Prix de la chanson SOCAN zur Auswahl. Und außerdem war sie für den Prix Félix-Leclerc nominiert, den sie im Rahmen der 28. FrancoFolies de Montréal auch einheimsen konnte. Es läuft gerade ziemlich gut für die junge Frau mit dem lustigen Gemüt und den traurigen Liedern, die Zeugnis einer dunklen, schwierigen Episode ihres Lebens sind. Ich traf Safia Nolin im Restaurant Laïka auf Saint-Laurent. Die Straße ist gerade zwischen der rue Sherbrooke und der rue Mont-Royal wegen des Straßenkunstfestivals Mural gesperrt, das zum vierten Mal statt findet.

 

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Alles fing mit deinem Lied „Igloo“ an. Wie hast du die letzten Monate erlebt?

Safia: Irgendwie seltsam. Alles passiert gerade so schnell, aber ich mag das. Ich mag die Extreme im Leben und diese Extreme haben gerade mein Leben schlagartig verändert. Vom Nichts tun, ging ich dazu über, viele Dinge zu tun. Und so wie mein Leben gerade ist, gefällt mir sehr.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Safia: Ich coverte Popsongs von Lady Gaga und anderen großen Popsängern. Es gefiel mir und ich veröffentlichte sie auf Youtube, allerdings ohne mir davon irgendwas zu erhoffen. Danach hatte ich einfach Lust, noch mehr Musik zu machen. Ich coverte weitere Songs, die weniger bekannt waren und in denen die Gitarre wichtiger wurde. Diese Cover veröffentlichte ich dann nicht mehr auf Youtube, aber ich lernte so viel dazu.

Du singst und spielst Gitarre. Hast du dafür Unterricht genommen?

Safia: Ich hab’s mir mit Onlinetutorials beigebracht. Es war einfach und ich spiele einfache Sachen. Ich lerne immer noch dazu.

Wie schreibst du deine Lieder? Arbeitest du erst an den Texten und dann an der Musik?

Safia: Beides entsteht zur selben Zeit. Darum ist es manchmal so schwierig und es kommt nichts raus. Wie zum Beispiel jetzt gerade: ich schreibe viel, spiele aber nicht zur selben Zeit. Es ergibt sich nichts. Das ist schwierig.

Dein sehnsüchtig erwartetes Debütalbum kam im September 2015 heraus, genauer gesagt am 11. September 2015. Hast du das Datum bewusst gewählt?

Safia: Mein Vater ist Araber und als ich jung war und das am 11. September geschah, was geschehen ist, wurde ich ausgegrenzt. Als es dann Jahre später so weit war, mein Album zu veröffentlichen, wählte ich dieses Datum, um mich davon zu befreien.

Wie liefen die Aufnahmen fürs Album ab?

Safia: Das war wirklich cool. Ich bin mit einem Gitarristen, dem Produzenten, der auch Bass spielt und einem Schlagzeuger für fünf Tage in ein Aufnahmestudio im Wald gefahren. Wir hatten keine Voraufnahmen gemacht, sondern kamen da an und sagten uns, wir machen das einfach so. Und das Album ist dabei rausgekommen. Wir haben nicht großartig nachgedacht und mir war es wichtig, an etwas in der Art wie FOR EMMA, FOREVER AGO von Bon Iver zu arbeiten. Er hat das Album ganz allein im Wald aufgenommen, als er krank war. Ich wollte an meinem Album herumbasteln.

Der Albumtitel ist LIMOILOU, was ein Stadtteil von Québec (Stadt) ist, in dem du deine Kindheit verbracht hast. Wie würdest du ihn beschreiben?

Safia: Limoilou ist ein Stadtteil des unteren Teils der Stadt. Die Stadt ist in den höher gelegenen und den niedriger gelegenen Teil gegliedert. Limoilou war ein Arbeiterviertel, das wirklich nicht besonders toll war. Es ist auch heute noch etwas roh, aber nicht mehr so wie damals. Heute mag ich es, aber als ich damals dort lebte, war dass echt das Gegenteil von toll, um dort zu leben. Ich hasste es. Mit dem zetilichen Abstand kann ich nun sagen, dass er in Québec einer der Stadtteile ist, der zu den Besten gehört.

Fährst du ab und zu mal dorthin, jetzt wo du in Montréal lebst?

Safia: Eigentlich bin ich dort nur, wenn ich dort auftrete. Sonst kehre ich nicht dorthin zurück.

Gibt es denn dort auch eine aktive Musikszene?

Safia: Schon, aber sie ist überschaubar und man ist dazu gezwungen, für Konzerte nach Montréal zu fahren. Also lebe ich jetzt hier und mache Musik. In Québec habe ich erst gar nicht versucht, Musik zu machen.
In Montréal gibt es auch so viele andere Dinge zu tun. Es ist verrückt. Ich liebe diese Stadt. Ich habe hier meine Freunde und hier passiert ständig was.

Das letzte Lied auf deinem Album, „Le goût du ciment“, ist das Gegenteil davon. Es ist sehr ruhig. Welche Geschichte steckt dahinter?

Safia: Es ist ein Lied, das von meinen musikalischen Anfängen handelt. Ich wollte nicht in die Dunkelheit meines Lebens zurückkehren und ich hatte das Gefühl, dass das Einzige, das mich davon abhielt, meine Freunde waren, die ich mittlerweile hatte. Zum ersten Mal hatte ich Freunde. Ich dachte, sie ließen mich fallen, weil sie nicht mein Leben lebten und ihres ganz anders war. Es geht in dem Lied um die Angst, wieder in die Dunkelheit zu geraten.

Du trittst in diesem Jahr mit einem eigenen Konzert auf den FrancoFolies de Montréal auf. Schon in den letzten Jahren konnte man dich dort singen hören, z.B. als du 2014 mit Monogrenade im Gésu deren Song „Labyrinthe“ sangst.

Safia: Das ist ein tolles Lied.

Oder im letzten Sommer, als du im Pub Rickards mit Joseph Marchand aufgetreten bist. Wie ist es für dich, auf der Bühne zu stehen und wie hat es sich vielleicht in den letzten Monaten verändert?

Safia: Vieles hat sich verändert. Jetzt spielen wir im Stehen, nicht mehr im Sitzen. Die Stimmung ist immer noch gelassen, aber intensiver. Damals fingen wir gerade erst an, zusammen zu spielen. Ich glaube, es waren erst zwei Monate, jetzt ist es schon ein Jahr. Wir haben einige Dinge verändert und jetzt ist es besser. Für die Francos treten wir mit einer Band auf, sind also zu viert auf der Bühne. Ich fühle mich heute sicherer auf der Bühne im Vergleich zu damals und ich kann es jetzt auch mehr genießen. Mit der Zeit lernt man dazu und entwickelt seine Fähigkeiten weiter.

Du bist Ende 2015 auch über den Atlantik geflogen, um im Vorprogramm von Lou Doillon aufzutreten. Welche Eindrücke hast du davon zurückbehalten?

Safia: Ich fand es ganz wunderbar. Ich mag Europa und ich hatte den Eindruck, dass man die Musik dort anders wahrnimmt. Die Art, wie man als Musiker behandelt wird, hat mich beeindruckt. Auf den Konzerten von Lou Doillon waren ihre Fans richtig in sie verliebt. Es war sehr intensiv und schön.

Hast du neue Ideen für Lieder bekommen?

Safia: Bis jetzt noch nicht, aber das kommt bestimmt noch, wenn es wieder ruhiger wird und ich wieder zum Komponieren komme.

Bis jetzt sind Videos zu drei von deinen Songs erschienen. Das erste zu „Igloo“ ist eher filmisch erzählend, das zweite zu „Ce matin“ ist eine Art Amateurdokumentation und das dritte zu „Noël partout“ ist künstlerisch abstrakt. Welche Bedeutung hat das Filmmaterial für dich, das deine Lieder begleitet?

Safia: Es ist mir sehr wichtig und auch dass die Videos sich voneinander unterscheiden und dass wir dorthin gehen, wo andere noch nicht waren. Beim Clip mit Klô Pelgag war mein Lieblingsfilm The Blair Witch Project Ausgangspunkt. Ich fand den echt cool und wollte so was in der Art machen. Der Clip kostete nicht viel Geld und er ist auch nicht perfekt, aber viele Leute hatten daran ihren Spaß. Genau deswegen mag ich ihn.
Ich und Alex von meinem Label haben daran gearbeitet. Wir haben alles selbst gemacht. In meinen eigenen Clip so involviert zu sein, war eine wirklich tolle Erfahrung.

Sind denn weitere Videos in Arbeit?

Safia: Im Moment noch nicht, aber bald bestimmt.

Dann behalte ich das im Blick. Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

Safia: „Technicolor“. Auf dieses Lied bin ich am meisten stolz. Ich habe es in knapp zwei Stunden geschrieben. Diesen Titel mag ich sehr.

„Igloo“ ist in diesem Jahr für den Prix de la chanson SOCAN nominiert, das Album ist auf der Long List des Polaris Music Prize und du bist für den Prix Félix-Leclerc nominiert, dessen Preisträger am 16. Juni 2016 enthüllt wird. Wie stehst du zu deiner Konkurrenz?

Safia: Es ist komisch, weil die anderen Nominierten Freunde sind. Wer auch immer gewinnt, wird gut sein, denn wir sind Freunde und ich wünsche allen den Sieg. Ich freue mich natürlich, wenn ich den einen oder anderen Preis gewinne, aber irgendwie ist es mir auch egal. Mir ist nur wichtig, dass der Sieger oder die Siegerin es auch verdient und meine Freunde verdienen es sicher.

Faire Worte einer noch jungen Musikerin, die am 16. Juni 2016 tatsächlich den Prix Félix-Leclerc überreicht bekommen hat.

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