Am 15. Juni 2017 war ich mit Karl Gagnon im Pressesaal der FrancoFolies de Montréal verabredet. Seit er 2011 eine erste EP unter dem Künstlernamen VioleTT Pi veröffentlicht hat, bereichert er die Québecer Musikszene und mischt sie auch ordentlich auf. Ich habe ihn während eines Auftritts im Cabaret du Mile End während des Festivals MpourMontréal 2014 entdeckt. Seitdem verfolge ich seine Karriere und nutze jede Gelegenheit, auf seine Konzerte auf den FrancoFolies de Montréal oder dem Coup de cœur francophone zu gehen. Mittlerweile ist auf das Debütalbum EV, mit dem VioleTT Pi sich eine große Fanbase aufgebaut hat, das Album MANIFESTE CONTRE LA PEUR gefolgt und während er eigentlich mit seiner Band unterwegs ist, hat er sich auf den FrancoFolies in diesem Jahr solo auf die Bühne des Festzelts gewagt. Was ein Soloauftritt für ihn bedeutet, wie er seinen Stil beschreibt und wie er sein Projekt demnächst auch nach Europa bringen wird, habe ich Karl Gagnon gefragt.
 

© J. Dummer

 

Wie ist das Projekt VioleTT Pi entstanden?

Karl: Ich komme aus der Stadt Granby, die nicht weit von Montréal entfernt ist, und habe ganz zu Anfang allein mit der Akustikgitarre Lieder geschrieben. Als ich etwa 15 Jahre alt war, kam der Computer in mein Leben und ich nahm meine ersten Demos auf. Ich habe ein bisschen Elektro reingenommen. Ich habe auch an einigen Musikwettbewerben teilgenommen, z.B. in Granby und in Petite-Vallée. Dort habe ich die Musiker kennengelernt, mit denen ich die Band gestartet habe. Seitdem sind wir zusammen unterwegs, weil ich es allein auf der Bühne nur schwer ertragen konnte. Nachher werde ich allein auf die Bühne treten. Ich dachte erst: „Oh mein Gott, vergiss es“. Es ist witzig. Man ist dann einfach allein und weiß nicht so ganz, was passieren wird. Die Verantwortung liegt bei einem ganz allein.

Wie würdest du deinen musikalischen Stil beschreiben?

Karl: Ich denke, dass das Vorgehen Pop ist, bezogen auf die Liedstruktur. Es ist Grunge und alternativer Metal. Ja, so könnte man es beschreiben. Es ist ein Mix, bei dem es auch Funk gibt. Was die Gesamtheit und die Seele des Projekts angeht, ist Punk zu nennen.

Die erste EP ist 2011 erschienen. Es folgten die Alben EV und MANIFESTE CONTRE LA PEUR. Welches Lied würdest du davon hervorheben und wie ist es entstanden?

Karl: Da kann ich das Lied nennen, in dem Ngâbo zu hören ist: „Jeffrey Dahmer au musée d’art contemporain“. Darin geht es um Jeffrey Dahmer, dem Serienmörder, der, wenn ich mich recht erinnere, in den 1970er, 80er Jahren junge afroamerikanische Männer mit nach Hause genommen hat. Dann schlief er mit ihnen und tötete sie. Er arbeitete in einer Schokoladenfabrik. Teile von ihnen nahm er mit und brachte sie in seinem Spind unter. Ich fand das sehr sonderbar und dennoch fand ich, dass es etwas – romantisch ist vielleicht das falsche Wort, aber – Romantisches auf einem extremen Niveau der Sache hat. Ich habe Ngâbo gefragt, ob er mit mir singen möchte, wobei er in die Rolle des Opfers schlüpft und wir uns über das Geschehene austauschen. Das war die Vorgabe. Aber Ngâbo hatte keine Ahnung, worum es in dem Lied ging. Er kam an, um zu singen und erst dann habe ich ihm das Lied erklärt und er sagte: „Oh mein Gott“. Letztlich haben wir gesungen und es war ziemlich lustig. Dennoch gibt es ein Unbehagen im Lied, denn es geht um ein Spiel der Verführung. Es ging darum, ein Lied über einen Serienmörder zu machen, in dem es aber dennoch eine Art Liebesgeschichte geben sollte. Ich versuche mit… es ist ein wenig zynisch, aber ich versuche die Konventionen ein wenig außer Kraft zu setzen, dahin zu gehen, wo man vielleicht lieber nicht hingehen sollte, wo zuvor niemand gewesen ist und die Dinge so zu betrachten, wie es noch keiner getan hat. Darum geht es mir. Es ist immer ein großes Versuchslabor mit vielen Ideen. Manchmal gelingt es einem nicht, genau den richtigen Punkt zu treffen. Es ist jedes Mal ein großes Geduldspiel.

Schreibst und komponierst du allein oder sind andere in den kreativen Prozess integriert?

Karl: Eigentlich mache ich alles selbst. Ich komponiere beinah alles. Manche Elemente sind später hinzugefügt. Manchmal ist es eine Orchestrierung, manchmal eine Gitarrenmelodie, die mein Gitarrist gefunden hat. Sylvain Deschamps setzt meine Alben um und manchmal bindet er Elemente mit ein. Aber zu 90 % ist der Song schon fertig, wenn ich ihn vorstelle.

Auf deinem letzten Album geht es um die Angst. Du sprichst dich gegen sie aus. Was hat dich dazu motiviert?

Karl: Jeder spürt sie wohl. Hier in Québec ist das weniger der Fall, weil es weniger Gewalt, Krieg und solche Dinge gibt. Wir sehen das aber im Fernsehen, was in Frankreich, in Syrien und überall passiert. Es gibt diese Art von Terror. Aktuell scheint alles auf diese Art zu funktionieren. Das Wort „Terror“ kommt von „Schrecken“. Man verbreitet Angst, um zu herrschen, so scheint das heutzutage zu funktionieren. Man ist aktuell nicht in der Lage, das hinter sich zu lassen, was einem Angst macht. Ich versuche das zu überwinden. Der Albumtitel ist auf die Québecer Musikszene bezogen, die in ihrer Art zu agieren und sich zu präsentieren verschlossen ist. Rockmusiker, die Songs wie ich aufnehmen, sind sehr selten. Wenn man in Québec lebt, wird einem schnell klar, dass es für jemanden schwierig wird, der nicht allein mit der Akustikgitarre auf die Bühne tritt. Die Leute denken, dass jemand die Wahrheit darstellt und ehrlich ist, wenn er allein ist und wehrlos wirkt, aber diese Person drückt sich vielleicht nur einfach aus, weil sie einfach ist. Wenn du jemand bist, der vielschichtig ist, brauchst du viele Dinge, um sicher aufzutreten. Darauf reagieren die Leute mit einem „Oh“. Ich weiß nicht, ob das daher kommt, dass die Leute die Musik nicht kennen oder weil es eine gängige Sache ist, zu glauben, dass man ehrlich und offen ist, wenn man allein ist. Es herrscht eine Art seltsame Romantik, die alles tötet, was darum herum versucht, zu wachsen. Die „fleischfressende Pflanze“, so würde ich es nennen, die alles frisst, was um sie herum ist.

Ich deinen Liedern vermittelst du viele Bilder aus der Pflanzen- und Tierwelt.

Karl: Ich sehe sie als Ikonen. Wenn ich texte, sehe ich das als ein Bild oder ein Gemälde. Ich mag das Malen sehr. Vielleicht sind meine Texte deswegen sehr bilderreich. Es gibt wenige Worte, die philosophisch sind. Es sind Bilder, die etwas erklären. Ich versuche Gemälde zu entwerfen, so dass dieser Song jenes bedeutet und diese Elemente enthält. Ich versuche, dass alles zusammenpasst und zusammenhält.

Dein vielfältiger und variierender Gesang hat mich sehr beeindruckt. Ich musste an Korn denken und auch an die Karnevalszeit, zu der man aus dem Gesellschaftsrahmen heraustreten kann. Deine Musik ist eine Einladung, auszubrechen aus dem Alltagstrott.

Karl: Das ist das Ziel. Es geht darum, sich nicht zu einer Sache zu zwingen. Das entwickelt sich auf natürliche Art und Weise, denn ich bin leicht hyperaktiv. Manchmal muss sich etwas schnell und drastisch verändern, denn die Veränderung stellt das Vorherige besser heraus und verleiht der Sache Form. Ich verbinde Sachen miteinander, die in der Regel nicht zusammengebracht werden und lasse sie nebeneinander existieren.

Dafür findest du eine gute Dosierung.

Karl: Sie geht mit dem Text einher und kommt nicht von irgendwo her. In der Regel gilt, wenn etwas konsequent umgesetzt ist, dann stellt man sich nicht die Frage, ob es richtig oder falsch ist. Das ist doch klar.

Das letzte Mal habe ich dich im Lion d’or im Rahmen des Festivals Coup de cœur francophone gesehen. Du hast bei MpourMontréal gespielt, bist auf den FrancoFolies aufgetreten und ziehst viel Publikum an. Vorhin hast du von Barrieren gesprochen. Wie ist es dir gelungen, Aufmerksamkeit von den Programmverantwortlichen zu bekommen und deine Karriere als Musiker aufzubauen?

Karl: Das ist sehr schwierig. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man von einer Karriere sprechen kann. Ich war irgendwie immer neben der Spur unterwegs. Die Dinge laufen übers Fernsehen usw., über dieses und jenes. Was mich betrifft, meide ich solche Sachen. Dennoch kommen viele Leute zu meinen Konzerten. Es gibt Leute, die dieser Religion nicht unbedingt folgen, die das Fernsehen, die Medien und Kritiker predigen. Ich bewege mich außerhalb dessen. Ich kann das nicht genau beschreiben, denke wenig darüber nach, fühle es eher. Ich versuche mein Ding zu machen, einfach das zu machen, was ich mir wünschen würde, zu sehen. Ich hätte mit gewünscht, dass jemand in Québec so was wie ich gemacht hätte, dass die Leute – das ist zwar nicht das schöne Wort – dass sie sich nicht prostituieren, dass sie nicht Dinge auf die einfache, unschöne Art machen. Auf künstlerischer Ebene finde ich das grauenvoll. Vielleicht bin ich einfach nicht in der Lage, das zu hören, was ich hören sollte. Ich weiß nicht. Bei mir gibt es eine Art der Rebellion, etwas Anarchie in der Art und Weise, die Dinge zu erfassen, die ich mache. Und das schlägt sich in meiner Karriere nieder. Ich gehe von Fall zu Fall vor. Wenn ich Lust habe, etwas zu machen, dann mache ich es. Unsere Linie ist nicht so klar wie bei den Leuten, die ein Album aufnehmen und sich sagen, dass sie damit eine Auszeichnung bei den ADISQ erhalten werden und auftreten werden. Das entspricht nicht meiner Sicht der Dinge. Ich bevorzuge es, wenn die Dinge noch offen sind. Ich möchte das komplette Schwein, um das ich mich kümmere und nicht nur ein Stück Bacon. Ich möchte alles, alles essen. Das dauert zwar länger und es wird grotesk sein, aber danach ist es erledigt.

Du hast gesagt, dass du auch malst.

Karl: Manchmal.

Zeigt das letzte Albumcover ein Selbstporträt?

Karl: Genau.

Und von wem ist das Bild auf EV?

Karl: Das ist von Axel Pahlavi. Axel Pahlavi hat in Frankreich gelebt und ist dann nach Berlin gezogen, um sich dort der zeitgenössischen Malerei zuzuwenden, so wie es auf dem Cover zu sehen ist. Es zeigt seine Freundin oder Frau, die ebenfalls malt. Ich glaube seine Galerie ist Eva Hober. Er stellt oft in Berlin aus. Auf das Gemälde bin ich in einer Zeitschrift aufmerksam geworden. Ich habe ihm dann über Facebook geschrieben, dass ich seine Kunst mag. Als ich zwei, drei Jahre später dabei war, mein Album rauszubringen, habe ich ihn kontaktiert und gefragt, ob ich dafür eins seiner Gemälde benutzen könnte. Er schickte mir ein paar Fotos, darunter dieses und sagte: „kein Problem“. Er ist total nett und ich war sehr zufrieden, denn ich fand das Gemälde sehr ausdrucksstark. Es passte super zu dem, was ich umgesetzt hatte. Alles war in dem Bild enthalten, das Ja, das Nein, das Vielleicht.

Musik zu schaffen, aufzunehmen und auf die Bühne zu bringen ist eine Sache. Die andere ist, sie in Bilder zu veranschaulichen z.B. auf dem Cover oder in Musikvideos. Für deine Videos arbeitest du mit deinem Bruder Akim Gagnon zusammen, der auch für viele andere Musiker tätig ist. Wie geht ihr vor?

Karl: In der Regel setze ich mich mit meinem Bruder zusammen und wir reden darüber. Wir überlegen, was wir machen wollen, welchen Song wir nehmen wollen. Dann nenne ich meine Ideen und er seine. Wir suchen Übereinstimmungen und nehmen das, was am besten ist. Wenn er mit anderen Leuten zusammenarbeitet, bringt er für gewöhnlich seine Vorstellungen mit und setzt diese um. Weil wir Brüder sind, tauschen wir uns erst aus. Wir versuchen jedes Mal die Projekte ein wenig weiter zu pushen. Wir präsentieren sehr selten einfach nur das Lied, in dem ich singe, sondern versuchen etwas Lustiges, Spaßiges daraus zu machen, das das Lied begleitet. Manchmal finde ich, dass das Bild nicht wirklich mit dem übereinstimmt, was ich im Kopf habe, wenn ich das Album anschaue, aber ich finde es schön, dass es eine Erweiterung dessen ist und andere Ideen und Dinge aufzeigt und nicht einfach nur die Musik in Bilder überführt. Wenn ich Musik höre, sehe ich nur Schwarz und höre die Noten, die erklingen. Sonst sehe ich nichts. Ich höre Dinge, die mein Körper aufnimmt, mein Nervensystem, aber ich sehe keine Blumen. Sogar beim Text ist das so: ich höre ihn, aber ich sehe nicht unbedingt, was er sagt. Darum versuche ich, darum versuchen wir, Dinge anders zu machen.

Ihr habt eine Art Kurzfilm für „Petit singe robot“ auf EV gemacht. Ist das ein gutes Beispiel dafür?

Karl: Ich werde immer wieder danach gefragt, dabei erinnere ich mich gar nicht mehr so gut daran, weil es schon so lange her ist. Um die drei, vier Jahre. Woran ich mich noch erinnere, ist, dass mich jemand entführt, damit ich auf der Geburtstagsfeier der kleinen Schwester singe. Wir fanden es einfach lustig, ein Musikvideo zu machen, das um die 15 Minuten lang ist. Also haben wir unser Konzept umgesetzt. Das war schon lustig.
Wir haben es im Studio B12 gedreht, das der Produktionsfirma L-A be gehört, bei der ich unter Vertrag bin. Da kann man Musik und so was machen. Es herrscht dort eine Stimmung der 1970er Jahre à la Shining mit den Farben Weiß, Orange und einem seltsamen Blau. Uns hat es gefallen und wir fanden es auch gruselig. Passend zum Lustigen, Heftigen und Derbem, das wir umsetzen wollten.

Auf den FrancoFolies trittst du dieses Mal ohne deine Band auf. Wie geht es dir damit?

Karl: Man kann nicht viel variieren. Man wird nur von einem Instrument begleitet, was es schwierig macht, den Klang zu ändern. Ich kann nicht einfach von Akustik zu Metal wechseln, weil ich allein bin. Die Sache ist so weniger wechselhaft.

Und was kommt dann?

Karl: Im Dezember gehen wir in Europa auf Tour. Die Daten sind auf der Website veröffentlicht.

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