Rechtzeitig zum Start der FrancoFolies de Montréal hat sich die Wetterlage wesentlich verbessert. Das vorwiegend herbstliche Wetter machte Platz für sonnige Stunden und sommerliche Temperaturen. Am frühen Abend des 8. Juni war kaum eine Wolke am blauen Himmel als Laurent Saulnier die 29. Ausgabe des Festivals unter dem Motto „Party machen“ eröffnete. Nachdem im letzten Jahr Hip Hop auf dem Programm des Eröffnungsabends stand, gestalteten 2017 Lydia Képinski, Pierre Kwenders, Dumas und Les Trois Accords den Abend. Die Gewinnerin der diesjährigen Ausgabe der Francouvertes Lydia Képinski kam als erstes auf die Bühne. Vor einer noch überschaubaren Menge präsentierte sie in Begleitung von Blaise Borboën-Léonard und Stéphane Lemieux die Songs ihrer noch jungen Musikkarriere. Nach einem ruhigen Einstieg folgten „Apprendre à mentir“ und „Andromaque“ von ihrer aktuellen EP und neues Material, das bei den Leuten, die bereits so früh gekommen waren, Anklang fand. Auf Lydia Képinski folgte Pierre Kwenders, der ein paar Tage zuvor noch in Berlin beim Torstraßenfestival aufgetreten war. Der Sänger folgte wohlwollend dem vorgegebenen Motto und nutzte die komplette Bühne für seine rhythmischen Tanzbewegungen zu Songs wie „Popolipo“, „Let it play“ und „Sorry“ von seinem Album LE DERNIER EMPEREUR BANTOU sowie „Sexus nexus plexus“ und „Tube tuba“ von seinem aktuellen Album MAKANDA AT THE END OF SPACE, THE BEGINNING OF TIME. Seine Energie übertrug sich auf das Publikum, das die Tanzbarkeit seiner Lieder unter Beweis stellte. Während seines Auftritts setzte die Dämmerung ein und die Bühnenbeleuchtung startete. Immer mehr Leute füllten den Platz vor der Bühne, die von den fleißigen Bierträgern mit Getränken versorgt wurden.

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Nach dem Auftritt von Pierre Kwenders strömten viele Leute auf die Bühne, die den nächsten Auftritt vorbereiteten. Laurent Saulnier kündigte den nächsten Act an, nachdem er sich bei angenehmen Temperaturen versicherte, dass das Publikum in guter Stimmung war. Dann hieß es Bühne frei für Dumas, der in den letzten Jahren bereits auf dem Festival seine Auftritte hatte: im Métropolis 2015, wo ich Dumas zum Interview getroffen habe und auf der Hauptbühne unter freiem Himmel im vergangenen Jahr. Dieses Mal startete seine Band mit einem Intro, während dem der Singer-Songwriter mit den Hüften schwingend auf die Bühne getanzt kam. Als er am Mikro angekommen war, folgte die freie Darbietung von „La nuit“, einem Song von seinem aktuellen Album DUMAS. Wie es sich in diesem Song bereits ankündigte, ließen sie sich viele Freiheiten in der Präsentation der Lieder. Denn sie wurden dem erklärten Ziel, die Fläche zwischen den Hochhäusern der rue Sainte-Catherine zu einer Tanzfläche zu machen, untergeordnet. Hier taten auch die Backgroundsängerinnen ihr Bestes und sorgten hier und da für Discostimmung, wenn es kurze Covereinlagen großer Hits gab. Und auch zu der Wetterlage der letzten Tage hatte Dumas Songs in seinem Repertoire. In „Alors alors“ wirft er ein, was man an Regentagen macht, eine Frage, die man sich in den letzten Tagen oft gestellt hatte und in der Textzeile „morgen kommt der Winter zurück“ unterbrach der Singer-Songwriter den Song, um kurzerhand den Winter durch den Sommer zu ersetzen, was das Publikum frenetisch bejubelte. Mit einem mitreißenden Mix aus seinem umfangreichen Repertoire und Dumas Entertainerqualitäten konnten technische Probleme überspielt werden. Und als er sich bei der Akustikimprovisation von „Tu m’aimes ou tu mens“ verhaspelte, half das textsichere Fanpublikum aus. Bei „Je ne sais pas“ folgte dann noch eine Tanzeinlage, die Gitarrist Jean-Luc Huet vortanzte und der das Publikum folgte. Der energiegeladene Auftritt endete, als die Sonne unterging und angenehme Luftzüge den Tanzwilligen eine wohlige Abkühlung verschaffte.

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Nach einer kurzen Verschnaufpause folgte das Konzert von Les Trois Accords aus Drummondville, die in ihrer langen Karriere unzählige Hits produziert haben, die auf ihre Alben GROS MAMMOUTH ALBUM TURBO, GRAND CHAMPION INTERNATIONAL DE COURSE, DANS MON CORPS, J’AIME TA GRAND-MÈRE und JOIE D’ÊTRE GAI verteilt sind. Das letzte Album haben sie erst letztes Jahr im Métropolis auf den FrancoFolies de Montréal vorgestellt.
Mit ausreichend Material, das der Großteil des Publikums bestens kannte, sorgten sie 90 Minuten für ausgelassene Stimmung wie an einem Nationalfeiertag. Mit Songs wie „Joie d‘être gai“, „Bamboula“ und „Vraiment beau“ sorgten sie ohne Unterbrechung für Tanz- und Gesangseinlagen des Publikums, das die Energie der Rockband zurückspiegelte. Während es dem, der von Anfang an dagewesen ist, so langsam schwer in den Beinen werden konnte, ließen Les Trois Accords keine Ermüdungserscheinungen zu und setzten die Aneinanderreihung von Smashern fort. Erst mit Song Nummer 14 ließen sie es etwas ruhiger angehen und so zückten die Leute bei „Les dauphins et les licornes“ ihre Handys und aktivierten ihre Lampen. Zu vorangeschrittener Stunde war das Publikum immer noch zahlreich, die Stimmung gut und so ließ es sich die letzte Band des Eröffnungsabends auch nicht nehmen, eine Zugabe zu spielen, bevor die Massen auseinanderliefen. Es war eine gelungene Einstimmung, die auf die nächsten Tage neugierig gemacht hat.

Das Programm der 29. Ausgabe des Festivals lieferte vielleicht weniger Neuentdeckungen als in den letzten Ausgaben, dafür fanden einige Konzerte in hinzugekommenen Locations statt. Am 10. Juni lockte Klô Pelgag ins Théâtre Maisonneuve, das sich wie der Salle Wilfried Pelletier, die Maison symphonique, der Cinquième Salle und weitere im Gebäudekomplex Place des Arts verbirgt. Über der großen Bühne des Théâtre Maisonneuve, die vom Saal sowie von Rängen auf zwei weiteren Etagen zu bestaunen ist, hing an dem Abend ein riesiger Brustkorb, in dem ein Herz pochte, das die Farbe wechselte und Dampf aussonderte. Bevor es richtig in Aktion trat, gehörte die Bühne erst einem einzigen Musiker: Mon Doux Saigneur. Klô Pelgag hat ihn sich für den ersten Teil des Abends gewünscht und so nahm er im vorderen Teil der Bühne Platz. Mit seiner gewöhnungsbedürftigen, gebrechlichen Stimme spielte er, zwischen elektrischer und akustischer Gitarre wechselnd, Songs wie „Le courant“ und „Barbara“, die auf seinem Debütalbum zu finden sind sowie Songs von seiner ersten EP. Der Lichtkegel, in dem er saß, ließ den aufwändigen Bühnenaufbau für die folgende Show bereits erahnen. Dort nahmen die 35 Musiker des Orchestre du Temple thoracique nach seinem Auftritt und einer kurzen Pause nach und nach Platz. Sie begannen sich einzuspielen. Auch die Band der Sängerin nahm ihren Platz ein. Dann ging das Licht aus und es wurde still. Unter Applaus der rund 1450 Besucher betrat der Dirigent Nicolas Ellis die Bühne. Man hörte das Ticken einer Uhr, das Herz im Brustkorb pochte und rotes Licht strömte aus. Die Musiker spielten ein Intro, während dem Klô Pelgag, einen Tag, nachdem sie den Prix Félix-Leclerc überreicht bekommen hat, sich ans Klavier setzte. Es begann die ganzheitliche Darbietung ihres zweiten Albums L‘ÉTOILE THORACIQUE in Orchesterversion. Bereits nach dem ersten Song hätte man meinen können, das Publikum bejubelte ein gelungenes Konzert. Die Dauer des Applauses nutzte die Sängerin, um vom Klavier aufzustehen und ihr rotes Ballonkleid zu präsentieren. Für „Le sexe des étoiles“ legte sie sich die Gitarre um und wechselte im weiteren Verlauf zwischen diesen Positionen. Für diesen Abend, an dem die Musik und nur die Musik im Mittelpunkt stand, hat sie mit ihrem Bruder Mathieu Pelletier-Gagnon lange gearbeitet. Nach ihrem Auftritt auf dem Eröffnungskonzert des Festivals vor zwei Jahren und einem ersten Auftritt 2012 auf einer kleinen verborgenen Bühne, die es nicht mehr gibt, scheint sie in die Fußstapfen von Pierre Lapointe zu treten, der regelmäßig etwas Besonderes für das Festival plant und umsetzt.
Die Musikdarbietung, während der der eine oder andere Musiker mit einem Solo glänzte, unterbrach Klô Pelgag nur selten, um mit dem Publikum die eine oder andere Anekdote zu teilen, z.B, wie sie an ihre weiße Gitarre gekommen ist und in welchem Kontext „Au musée Grévin“ entstanden ist. Die Kombination aus dem Bühnendekor, dem satten und vielseitigen Spiel des Orchesters und der Band und Klô Pelgags eigenwilligen Unterhaltungsmethoden und Tanzeinlagen sowie ihrer Qualität Lieder zu schreiben und Bilder zu entwerfen, begeisterte das Publikum, das sich zum Ende von seinen Plätzen erhob und tosend applaudierte. Sie hatte es mal wieder geschafft, einen außergewöhnlichen Abend für sich und das Publikum zu gestalten. Und weil alle so eine gute Zeit hatten, setzte sie sich noch einmal ans Klavier für eine ungeplante Zugabe. Mit „Les corbeaux“ entließ sie das Publikum auf das Festivalgelände, wo noch weitere Konzerte in Gange waren.

Am 12. Juni hatte ich mir die Auftritte von Yann Perreau, Ponteix und Antoine Corriveau im Programm markiert. Yann Perreau trat um 21 Uhr auf die Hauptbühne der FrancoFolies. Wie schon bei seinem Auftritt im Club Soda im Rahmen von Coup de cœur francophone startete er sein Konzert mit „Dance me to the end of love“ von Leonard Cohen. Es folgten „Baby boom“ und „Barcelone“, wozu er den ersten von drei Gästen auf die Bühne holte. Für sein Konzert, das von Radio-Canada aufgezeichnet und im September ausgestrahlt wurde, hatte er etwas Besonderes vorbereitet. Während des Konzerts lieferten Roboter, die mit Kameras ausgestattet über die Bühne fuhren, die Bilder, die im Hintergrund auf der Leinwand gesendet wurden. Für „Conduis-moi“ ließ Yann Perreau sich ein Gestell umschnallen, an dem weitere Kameras befestigt waren. Damit verschwand er von der Bühne und drehte eine Runde durch das Publikum, das an diesem Abend nicht allzu zahlreich erschienen war.

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Zurück auf der Bühne lieferte er akrobatische und clowneske Einlagen, so wie man ihn kennt. Er hielt seine Energie nicht zurück. Für „Le bruit des bottes“ bekam er Unterstützung von einem weiteren Gast. Philippe Brach performte im Anschluss seinen Song „Bonne journée“, für das er das Publikum zum begleitenden Fingerschnippen animierte. Beim folgenden „À l‘amour et à la mer“, ein Song, den Yann Perreau für seine Mutter geschrieben hat, kam erneut Laurence Nerbonne als Unterstützung auf die Bühne, die danach ihren Song „Montréal XO“ darbot. Für seinen dritten Gast räumte der Sänger die Bühne, als dieser „Ani kuni“ sang. Pierre Kwenders und Yann Perreau hatten zuvor gemeinsam ihre Hüften geschwungen und ihre Oberkörper entblößt. Mit seinem Hit „J‘aime les oiseaux“, der alle zusammen auf der Bühne vereinte, ging der Auftritt zu Ende.

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Während Yann Perreau noch eine Zugabe spielte, machte ich mich auf zur Sirius XM-Bühne. Dort spielten Ponteix aus Saskatchewan. Das Bandprojekt um Mario Lepage, das nach einem französischsprachigen Dorf in einer der Prärieprovinzen Kanadas benannt ist, ist vor zwei Jahren an gleicher Stelle entstanden. Mittlerweile hat Ponteix die EP J‘ORAGE veröffentlicht und neue Songs geschrieben. Nach dem Sound von Ponteix, der von psychedelischem Rock und Elektro inspiriert ist, fand man auf der Ford-Bühne einen eher düster angehauchten Folkrock von Antoine Corriveau. Bis Mitternacht spielte der Singer-Songwriter, der mich auf Grund seines Bühnenoutfits an Jack Sparrow erinnerte, Lieder von seinen Alben LES OMBRES LONGUES und CETTE CHOSE QUI COGNAIT AU CREUX DE SA POITRINE SANS VOULOIR S‘ARRÊTER.

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Am nächsten Tag entschied ich mich für Folk und Open Air. Erst ging ich zum Auftritt von Louis-Philippe Gingras im Zelt. In gemütlicher Atmosphäre sang der Musiker mit universitärer Jazzausbildung aus Abitibi an einem schönen Sommertag über das Unterwegssein, Frauen und Eis am Stiel. Davon warf er auch einige ins Publikum. Er bot eine ordentliche Show an, bei der die Festivalbesucher der Einladung zum Tanzen hier und dem Mitsingen da nachkamen. Als die Leute zum Schluss stehend applaudierten, entließ er sie mit lobenden Worten für seinen Beruf und einer Empfehlung für ein Konzert: Sein Kumpel Bernard Adamus spielte später auf der Hauptbühne.

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Bernard Adamus hatte auf den weitläufigen Platz vor der Hauptbühne zahlreiche Leute gelockt. Seine Musik hat er bereits auf drei Alben veröffentlicht. Während die Sonne unterging, spielte er in gewohnter Manier mitsingbare und weniger mitsingbare Hits wie „Brun“, „La question à 100 $“ und „Hola les lolos“ oder das Cover von Jean Leloups „Faire des enfants“. Unterstützt wurde er im Backgroundgesang von den Sängerinnen der Band Canailles. Nach dem Konzert verteilten sich die Massen auf dem Festivalgelände, gingen in die Aftershowparty im Savoy oder traten den Heimweg an. Wer aber in eine der umliegenden Bars ging, hatte manchmal das Glück, einen der Acts anzutreffen, sowie Bernard Adamus und seine Gang, die in der Bar Beneluxe auf ihr Konzert einen Kurzen kippten und danach weiterzogen.

Während in Montréal der siebte sommerlich sonnige Tag in Folge für gute Stimmung bei den Städtern und Besuchern sorgte, bereitete Louis-Jean Cormier sein Konzert am Abend im Théâtre Maisonneuve vor. Kurz nach 20 Uhr trat der Sänger, der in den letzten Jahren auch immer mal wieder im Programm des Festivals zu finden war, auf die Bühne des Saals. Bevor er den ersten Song seiner Soloshow anstimmte, nahm er sich die Zeit, das Publikum zu begutachten. Für den einen oder anderen Besucher hatte er mit einem Anzug zu viel an, denn schon gleich wurde ihm ein „Ausziehen“ zugerufen. Er musste schmunzeln und forderte sich ein wenig Zeit ein, um an diesen Punkt zu kommen. Denn der Abend folge keinen vorher bestimmten Regeln und konnte in verschiedene Richtungen gehen. Nur die Dauer ist vorgegeben: 75 Minuten und es ist bekannt, was darauf folgt, nämlich der Auftritt seines Kollegen Martin Léon.
Louis-Jean Cormier hat letzten Dezember beim Festival Aurores Montréal das Pariser Publikum unterhalten. Und das hatte er auch in Montréal vor. Er lud die Zuschauer ein, nach Belieben mitzusingen und umzutexten, den Abend mit seinen Nachbarn zu genießen, sich mit ihnen auszutauschen und einfach verrückt zu sein. Für sein langes, ungewöhnliches Intro bekam er Lacher und Applaus seitens des Publikums. Dann griff er zur Gitarre, spielte sich kurz ein, atmete noch einmal tief durch und legte los, mit „L‘ascenseur“. Es folgten „Bull‘s eye“ und „Si tu reviens“ und dann fing er auch schon an, der vormaligen Aufforderung Folge zu leisten, in dem er sein Jackett auszog und die Hemdärmel hochkrempelte. „Tête premier“, „Tout le monde en même temps“ und „Les chemins de verre“, ein Song aus dem Repertoire von Karwka, legte der Sänger nach, wobei er manchmal einen Kommentar einschob. Er brachte die vielen Zuschauer dazu, Refrains und Liedzeilen gemeinsam zu singen, was eine beeindruckende Wirkung hatte und Gänsehaut provozierte. Zum Ende seines Auftritts stimmte er „La fanfare“ an und als die letzten Töne verklangen, standen die Leute von ihren Plätzen auf. „Welch ein schöner Abend“, sprach Cormier auch ins Mikro, mit der Hand auf seinem Herz. Er entließ sein Publikum, das für ein weiteres Konzert an Ort und Stelle bleiben konnte, eine der anderen Locations ansteuern konnte oder mit den Erlebnissen den Heimweg antreten konnte.

Am nächsten Tag trat auch VioleTT Pi wie Louis-Jean Cormier am Abend zuvor, ohne Band auf. Nachdem er im Festivalzelt angekündigt wurde, tat es der Sänger den Zuschauern gleich und setzte sich erst einmal und machte sich ein kühles Bier auf. Ihn solo auftreten zu sehen, war nach Konzerten auf den FrancoFolies de Montréal, dem Coup de cœur francophone und MpourMontréal etwas Neues. Und wenn er mich auch jedes Mal zuvor begeistert hat, war ich gespannt, wie er seine komplexe und vielschichtige Musik in einer reduzierten Form auf die Bühne bringen würde. Obwohl er sich nicht wirklich wohl fühlte, so allein auf der Bühne, gelang es ihm seine verrückten Lieder wie „Princesse carnivore“ und „Biscuit chinois“ rüberzurbringen und dann holte er Klô Pelgag zu sich hoch, um mit ihr zusammen „Labyrinthe“ zu performen.

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Zwischen den Songs unterhielt er die Leute mit seiner Spontanität. Nach der Feststellung, dass sein Bier alle ist, bat er um eine neues. Die Wartezeit überbrückte er mit dem Wechsel von der akustischen zur elektrischen Gitarre. Beim Stimmen der Gitarre erörterte er seine gegenwärtige Situation und kam zu dem Schluss, dass er es schrecklich findet, allein auf der Bühne zu sein. Dann stimmte er weitere Lieder an. Nach „Singe de ville“ und „Les huîtres de Julie Payette“ bedankte er sich beim Publikum, dass es gekommen war, um ihn allein zu sehen und ging von der Bühne ab, während seine Gitarre noch weiter ihren Job tat und so die angeforderte Zugabe ohne den Spieler spielte.

Am vorletzten Abend lockte Daniel Bélanger sein treues Publikum in den Salle Wilfried-Pelletier. Nach dem Auftritt von Octave Noire aus Frankreich, die mit ihrem Therminspiel im Intro Neugier geweckt haben, betrat der Sänger die Bühne. Er lieferte eine gute Show, aber das Publikum stahl ihm die Show, weil es textsicher, in guter Stimmung und in Tanzlaune war. Daran hinderten es auch nicht die Stuhlränge, mit denen der Konzertsaal bestückt war. Und es sparte zu keiner Zeit mit Applaus. Der Singer-Songwriter, der schon lange dabei ist, schreibt außergewöhnliche Texte und Songs mit starken Refrains, die den Zuhörer mitnehmen, was sein Konzert unter Beweis gestellt hat. Die Lieder, die die meisten Leute schon länger kennen, wurden von einer ansprechenden Video- und Lichtshow begleitet. Weil die Atmosphäre gleich zu Beginn an das Ende eines Konzerts erinnerte, sprang Daniel Bélanger auf den Zug auf und bedankte sich nach der Darbietung von „Tout viendra s‘effacer“ von seinem aktuellen Album PALOMA und „Chante encore“ von RÊVER MIEUX für die langanhaltende Rückmeldung der Leute und kündigte mit einem Schmunzeln den letzten Song an. Es folgte ein Mix aus älteren Hits und neuestem Material. Für seine Ballade „Tu peux partir“ heimste er sich einen Abschlussapplaus ein, wie ich es selten so früh bei einem Auftritt gesehen habe. Dieser Applaus folgte auch auf „Cruel (il fait froid, on gèle)“, der der letzte Song auf der Setlist des offiziellen Konzertteils stand. Die Leute erhoben sich von ihren Plätzen und wurden des Klatschens und honorierenden Pfeifens nicht müde. So kam er für eine Zugabe erst mit seiner Band zurück, von denen er einige ewig kennt, und dann zum Schluss noch einmal allein. „La folie en quatre“ sang er zwar solo, wurde aber vom Chor des Publikums tatkräftig unterstützt. Am Ende zeigte er sich dankbar und überwältigt von der Treue seines Publikums, die ihm immer wieder solche Auftritte ermöglichen.

Am letzten von zehn Festivaltagen gab es nochmal die Gelegenheit, die besondere Atmosphäre zu genießen, über das Gelände zu schlendern und vielleicht den einen oder anderen einmaligen Ausblick zu genießen, z.B. von der Terrasse der Bell-Container, die in diesem Jahr jedem einen Rundumblick auf das gesamte Gelände bot. Und auch in den Containern geschah etwas Interessantes. Denn sie beherbergten ein gläsernes Studio, in dem in den letzten Tagen vier Teams vier Songs erschaffen haben. Als Initiatorin des Projekts machte Ariane Moffatt mit ihrem Team den Anfang. Innerhalb von 48 Stunden erarbeitete sie mit Unterstützung von Jérôme Minière, Anomalie, Jonathan Dauphinais, Laurence Lafond-Beaulne, Étienne Dupuis-Cloutier, Kim Richardson und Audrey-Michèle Simard den Song „Ici et maintenant“. „Dans le noir (Back à la maison)“ ist die Kreation von Safia Nolin, Samito, Snail Kid, CRi und José Major, die Philippe Brault um sich versammelt hat. Alex McMahon holte sich eine reine Jungsgang ins Studio. Mit Fred Fortin, Steve Hill und Jean-Sébastien Chouinard nahm er den Song „Bowler Blues“ auf. Als letztes von vier Teams produzierten Foxtrott, Pierre Kwenders, FABjustfab von Random Recipe, Stefan Schneider und Shash’U den Song „SUDA 144“. Die Entstehung der Songs konnten die Festivalbesucher während des Produktionsprozesses online und vor Ort verfolgen. So konnten sie sehen, was sonst verborgen bleibt, nämlich wie Songs entstehen.
Die Songs stehen auf francofolies.bandcamp.com zum Download bereit. Zudem wurde währenddessen gefilmt und die 48 Stunden in kurzen Videos zusammengeschnitten, zu finden auf francofolies.com/studiobell.

Mit einem Abschlusskonzert anlässlich der 375 Jahre, die Montréal in diesem Jahr feierte, gingen die FrancoFolies de Montréal zu Ende. Am wohl wärmsten Tag dieses Sommers betraten Ariane Moffatt, Marie-Pierre Arthur, Salomé Leclerc, Amylie, Laurence Lafond-Beaulne und Karine Pion gemeinsam die Bühne. Sie formten die Hausband und unterhielten zusätzlich mit Gastsängerinnen wie Les Hay Babies, Klô Pelgag und Safia Nolin – die mit ihrem Lied über den Winter „Igloo“ wenigstens gedanklich für eine Abkühlung sorgte – die vielen Leute, die gekommen waren. Die Sonne brannte, der Schweiß floß und die Gefahr eines Gewitters schwebte über dem Gelände.
Eine Show mit so vielen Beteiligten auf die Beine zu stellen verlangt eine gute und reibungslose Organisation. Die Wechsel der Musikstile und Übergänge waren hier und da holprig und es gab ein paar technische Probleme. Aber die Mädels auf der Bühne hatten ihren Spaß und die Leute im Publikum ebenso. Zum Schluss waren die Hausband und ihre Gäste zusammen vereint und erst dann setzte leichter Regenfall ein, der aber gleich wieder zu Ende war, da die Sonne die Überhand gewann.

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Der Auftritt war der Beginn eines Abends, der noch einmal unzählige Leute vor die Hauptbühne der FrancoFolies gelockt hat. Es folgte ein Konzert von IAM aus Frankreich, die 20 Jahre ihrer Karriere feierten und um 22:30 Uhr übernahmen die Cowboys fringants. Die Cowboys fringants waren nach 14 Jahren wieder zurück beim Festival und lieferten nach dem Motto, mit dem das Festival gestartet ist, ihre Hits ab, darunter „La manifestation“, „8 secondes“, „Droit devant“ und „Plus rien“. Der Regen, der mal mehr fiel und dann beinah komplett aussetzte, störte bei der guten und anhaltenden Stimmung niemanden. Die dicht gedrängte Menge spiegelte die Energie der Band zurück, tanzte, grölte und klatschte im Takt. Bei „Joyeux calvaire“ tat sich sogar ein kleiner Deathcircle auf und vereinzelt waren Crowdsurfer unterwegs. Der Höhepunkt war „Les étoiles filantes“. Der Regen setzte aus und die Leute kamen der Aufforderung des Frontsängers Karl Tremblay nach und ließen ihre Handylichter erleuchten. Die Nacht auf dem Place des festival wurde von all dem Licht zurückgedrängt. Kurz vor Mitternacht war dann nur noch Zeit für eine Ein-Song-Zugabe. Dann löste sich alles auf, die Massen gingen auseinander.

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Es war ein gelungener Abschluss einer gelungenen Festivalausgabe, die ein bunt gemischtes und vielfältiges Publikum angelockt hat. Das Wetter spielte mit wie in sonst keiner Ausgabe. Im nächsten Jahr steht die 30. Ausgabe des Festivals an. Man darf gespannt sein, was sich die Organisatoren für die Tage zwischen dem 7. und 16. Juni 2018 einfallen lassen.

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