Als vor vier Jahren das Festival Aurores Montréal zum ersten Mal stattgefunden hat, war Salomé Leclerc dort solo aufgetreten. Am 5. Dezember 2016 war sie erneut beim Festival dabei. Sie brachte nach den Auftritten von Betti Bonifassi und Louis-Jean Cormier den Eröffnungsabend im Pariser Divan du Monde zu Ende. Zwischen diesen beiden Konzerten hat sich bei ihr viel getan. Bereits zwei Alben sind von ihr erschienen, sie wurde u.a. mit dem Prix Félix-Leclerc ausgezeichnet und gibt viele Konzerte in Kanada und Europa. Mit ihrem Auftritt im Divan du Monde hat sie ihre aktuelle Tour beendet, mit der sie im Sommer 2015 gestartet war. Danach nimmt sie ihre drittes Album in Angriff. Ich nutzte die Gelegenheit, sie in Paris an einem spätherbstlichen Tag zu treffen. In einem Café im 11. Arrondissement erzählte sie mir, wie sie zur Musik kam, mit welchem Instrument sie am liebsten komponiert und wie sie die aktuelle Situation für Musiker sieht.

 

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© J. Dummer

 

Wo bist du aufgewachsen?

Salomé: Ich komme aus einem kleinen Dorf, das zwei Stunden von Montréal entfernt ist. Es heißt Sainte-Françoise-de-Lotbinière. Ich habe da bis zu meinem 17. Lebensjahr gelebt. Danach bin ich von dort weggegangen, um zu studieren und zu arbeiten. Ich bin aber noch oft zu Besuch. An das Leben in Montréal musste ich mich erst gewöhnen, denn es ist ganz anders als in meinem Dorf. So sehr ich Montréal, die Stadt, die Action und die Vielfalt mag, so sehr brauche ich die Selbstbesinnung, wenn ich wieder auf dem Land bin. Ich bin damit noch sehr verwurzelt.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Salomé: Ich war noch ziemlich jung, als ich durch meine beiden Brüder dazu kam, die bereits Instrumente spielten. Der eine spielte Bass, der andere Gitarre und was fehlte, war das Schlagzeug. Nachdem ich das gesagt hatte, haben mir meine Eltern ein Schlagzeug besorgt und wir haben begonnen zu dritt Musik zu machen. Für eine Weile coverten wir gemeinsam Lieder und traten damit in Bars auf. Während der Zeit habe ich viel gelernt. Ich habe auch ein paar Unterrichtsstunden genommen, was mir beim Spielen und Komponieren geholfen hat. Ich kam also sehr früh zur Musik, die irgendwie in mir drin war.

Du hast also mit dem Schlagzeug angefangen und bist dann zur Gitarre gewechselt.

Salomé: Ja genau.

Als ich dich bei deinem Konzert im Gésu auf den FrancoFolies de Montréal 2015 gesehen habe, waren mindestens fünf Gitarren neben dir aufgereiht. Bevorzugst du eine bestimmte Gitarre?

Salomé: Das war damals das erste Konzert meiner Tour. Und hier in Paris war jetzt das letzte.
Mein Lieblingsinstrument ist definitiv die elektrische Gitarre. Es ist auch das Instrument, mit dem ich komponiere. Wenn ich auf der Bühne bin und singe, habe ich immer eine Gitarre im Arm. Das ist wie selbstverständlich. Wenn ich keine Gitarre bei mir habe, weiß ich nicht, was ich mit meinen Händen machen soll. Sie ist wie eine Erweiterung meiner selbst. Ich bin ein großer Fan von Worten, aber vor allem bin ich Fan der Musik. Ich suche nach der Verfeinerung eines Klangs. Deshalb habe ich in letzter Zeit der elektrischen Gitarre mehr Raum gegeben. Damals waren wir zu fünft auf der Bühne, jetzt sind wir zu dritt. Das ist so, weil ich es am meisten mag, Gitarre zu spielen. Wenn man aber zu fünft ist, spielt einer Posaune, andere weitere Instrumente, die in etwa in derselben Klangwelt wie die Gitarre liegen. Wir teilten uns das auf. Dann kam der Moment, in dem ich die einzelnen Teile verbinden wollte und die Musikerin in mir hervorheben wollte, so wie die Sängerin in mir. Und das habe ich getan. Ich denke, dass das gefällt. Zumindest fühlt es sich so an.

Wenn du an der Gitarre komponierst, wie gehst du da vor und woher holst du dir Inspiration?

Salomé: Ich schreibe fast nur mit der Gitarre, ab und zu auch mal am Klavier. Ich schreibe erst die Musik und dann den Text. Ich finde die Natur sehr inspirierend. Auf dem zweiten Album ist das weniger zu hören. Es ist städtischer in seinen Themen als das erste. Beim ersten Album SOUS LES ARBRES war ich auf dem Cover noch unter Bäumen zu sehen. Es war sehr ländlich, was mit meiner Herkunft zu tun hat, denn ich komme ja vom Land und ich habe dort viele Lieder geschrieben, als ich noch jung, dann als ich Jugendliche war. Einige der Songs aus dieser Zeit sind auf dem Album. Beim zweiten Album habe ich erst einen Song an der Gitarre komponiert und diesen dann arrangiert. Erst dann kam der nächste. Für das dritte Album versuche ich mit den Gewohnheiten zu brechen. Ich möchte erst alle Songs schreiben und sie dann überarbeiten, nicht jeden für sich selbst, der am Ende vielleicht dann doch vom Album fliegt. Das dritte Album soll anders werden.

Wenn du neue Songs schreibst, nutzt du die Gelegenheit, sie vorab schon mal vor Publikum zu spielen, z.B. in einer der Bars in Montréal?

Salomé: Sehr sehr selten. Was das angeht, bin ich sehr schüchtern und ein wenig ängstlich. Ich arbeite meistens auch sehr lange an meinen Liedern. Ich suche nach dem Moment, in dem sie aufblühen. Wenn sie ein wenig funktionieren, lege ich sie beiseite, um Abstand zu gewinnen und später auf sie zurückzukommen. Dann lege ich sie wieder beiseite und komme wieder auf sie zurück. Ich habe nahezu Angst davor, sie während eines Konzerts zu spielen und dann festzustellen, dass sie noch nicht fertig waren. Sie hätten es sein können, aber das braucht seine Zeit. Ich habe nahezu Angst davor, wie die Leute reagieren und dass sie aus vielen verschiedenen Gründen nicht so reagieren, wie ich es gewollt hätte. Es ist so, als ob ich ein Lied, das dabei ist, ein gutes zu werden, in Gefahr bringen würde. Ich arbeite oft allein an ihnen, später dann mit meinen Musikern zusammen. Erst dann stelle ich sie vor. Während meiner ersten Tour gab es erst zum Ende hin neue Songs. Auf dieser Tour gab es keine, nur immer dieselben Lieder.

Die du aber immer wieder leicht veränderst.

Salomé: Genau. Absichtlich. Oft spielen wir die Lieder in neuen Versionen, um sie zu aktualisieren. So gelingt es uns, trotz ausbleibender neuer Songs, Konzerte anzubieten, die sich zwar ähneln, sich aber im Kleinen auch voneinander unterscheiden. Wir erfinden die Songs neu, indem wir sie verändern. Wir nehmen die Songs vom ersten Album und verändern sie komplett. Wir strengen uns an, sie zu aktualisieren und dem aktuellen Klang anzupassen. Auf dem ersten Album gab es kein Klavier, auf dem zweiten ein wenig. Auf der Bühne verändern wir das. Wir fügen überall Klavier hinzu. Oft höre ich die Leute sagen, dass sie es interessant finden, mich öfter zu sehen, weil es zwar dieselben Lieder sind, sie aber dennoch nicht das gleiche Konzert sehen. Sie entdecken jedes Mal etwas Neues.

Du hast den Prix Félix-Leclerc gewonnen und bist auf den Francofolies de La Rochelle aufgetreten. Du gibst viele Konzerte in Québec aber auch in Frankreich, Belgien und der Schweiz. Bemerkst du einen Unterschied, ob du auf einer Bühne in Québec oder in Europa auftrittst?

Salomé: Es gibt einen Unterschied, der darin liegt, dass die Leute mich hier zum ersten Mal sehen. In Québec kennt mich das Publikum meistens und hat meine Musik bei sich zu Hause. Das Feld ist also schon beackert. Zum Konzert hier kamen die Leute überwiegend wegen Louis-Jean Cormier. Ich war zufrieden, denn so konnten sie meine Musik entdecken. Bei meinem Auftritt am 16. Oktober 2016 in Brüssel haben die Leute allerdings mitgesungen. Das hat mich sehr überrascht und berührt, denn meine Songs waren bereits angekommen. Nach sechs Stunden im Flugzeug stand ich vor Leuten, die meine Lieder mitgesungen haben. Das war beflügelnd.

Als ich in Québec war, habe ich die Dokumentation La musique à tout prix gesehen. Darin geht es um die schwierige Situation, in der sich Musiker aktuell befinden, weil sie in Zeiten von Streaming-Diensten nicht mehr ausreichend mit ihrer Musik verdienen. Du bist darin auch zu sehen und hast gesagt, dass du eventuell mit der Musik aufhörst, wenn sich die Situation nicht ändert.

Salomé: Wenn sich die Modelle nicht ändern, wird es schwierig, Musik zu machen. Denn das Modell ist, so wie es ist, für uns nicht lebensfähig. Ich denke, dass es drei Gruppen geben wird: Die, für die es gut ausgeht und deren CD-Verkäufe weiterlaufen, die, die weniger einnehmen und der Nachwuchs. Wenn man anfängt, Musik zu machen, nimmt man mehr Dinge hin, weil man jung ist und noch keine finanziellen Verpflichtungen hat. Von einem bestimmten Punkt an, an dem man beschließt, sich etwas aufzubauen, braucht man die finanziellen Mittel dazu und man beginnt das, was man tut, in Frage zu stellen. Das Modell, das wir aktuell in Québec haben, zahlt sich für die meisten Musiker nicht aus. Ich hoffe, dass es dafür Lösungen geben wird. Sonst wird es für Musiker schwierig. Wir haben jetzt erfasst, wo die Probleme liegen, jetzt müssen wir sie nur gemeinsam angehen und uns mit unseren Forderungen Gehör verschaffen.

Ist der Export von Musik eine Lösung?

Salomé: Ich finde es echt super, hierher zu kommen, aber viele der Bands und Musiker aus Québec, die hier auftreten – wobei ich das nicht verallgemeinern will –, verdienen nicht unbedingt daran. Export ist natürlich eine Möglichkeit. Die Frage ist nur zu welchem Preis. Muss ich dafür bezahlen, um woanders zu spielen? Wir werden nicht gerade mit offenen Armen empfangen, denn oft sind die anderen Märkte ebenfalls fragil.

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