Montréal ist eine Stadt, aus der musikalisch viel Gutes kommt. Sogar von „Premiumware“ ist in einem Artikel im Rolling Stone die Rede. Ich habe die Stadt, die in diesem Jahr ihr 375-jähriges Jubiläum begeht, ja schon seit Langem im Blick. Am 16. Februar 2017 waren zwei Bands aus Montréal für Konzerte in Berlin. Im Privatclub traten Plants And Animals pünktlich um 20 Uhr in das eigenwillige Licht der Bühne. Bereits im letzten Frühling haben sie auf ihrer Europatour einen Halt in Deutschland eingelegt, als Support von Eleanor Friedberger im Auster Club Berlin. Dieses Mal waren sie nach sechs eigenen Konzerten als Support von The Dears in der Hauptstadt. Während sie die ersten Klänge von „All of the time“ spielten, versammelten sich die Leute zaghaft vor ihnen.

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© J. Dummer

Ein paar Stunden vorher nutzte ich das milde Wetter in der Hauptstadt, um Warren Spicer bei Vogelgezwitscher im Hinterhof des Privatclubs ein paar Fragen zu stellen, während seine Bandkollegen mit dem Soundcheck zu Gange waren. Der Sänger und Produzent kommt ursprünglich aus Halifax. Die Stadt liegt an der Ostküste Kanadas direkt am Ozean. Für Spicer war es ein toller Ort, um aufzuwachsen, aber sonst konnte ihm die Stadt nicht das bieten, was er bei seiner ersten Reise mit 16 Jahren in Montréal gesehen hatte. Kurzerhand zog er um, studierte dort und blieb schließlich. Zu den Gründen, warum er in Montréal glücklich ist, zählt er die Sprachvielfalt und die Art und Weise, wie das Leben dort gelebt wird.

In der Band ist neben Warren Spicer der Schlagzeuger Matthew Woodley, der ebenfalls aus Halifax kommt, und der Gitarrist Nic Basque, der gebürtiger Québecer ist. Somit sind sie ein Beispiel für musikalische Projekte, bei denen sich die beiden Sprachgemeinschaften Kanadas zusammengefunden haben. „Ich bin anglophon, spreche aber auch Französisch. Wenn ich nicht mit meiner Band toure, produziere ich Alben und arbeite auch mit frankophonen Musikern zusammen. Ich würde sagen, dass Montréal eher inklusiv ist, zumindest im Musikbereich. Dort lernt man sich gegenseitig kennen, wobei Sprache kein großes Thema ist“, sagte er mit Blick auf die Situation der beiden dominierenden Sprachgemeinschaften in Montréal.

Das Französische ist bei Plants And Animals immer mal wieder präsent, entweder im Titel ihrer ersten EP WITH/AVEC oder in Songs wie „À l’orée des bois“ und „Je voulais te dire”. Auf die Liedzeile „Je voulais te dire” kam der Songwriter während den Aufnahmen im Studio: „Es war ein Joke, denn ich habe versucht wie Serge Gainsbourg zu sein. Als wir uns die Aufnahme später angehört haben, gefiel uns die Art, wie ich es gesungen habe und wir beschlossen ,Je voulais te dire’ an der Stelle im Song zu lassen. Den restlichen Text habe ich um diesen Gedanken herum geschrieben.“ Die Zeile war für eine Weile sogar im Rennen für den Albumtitel, letztlich wurde es aber WALTZED IN FROM THE RUMBLING.

Die Mitglieder von Plants And Animals kennen sich schon lange. Nach dem Album THE END OF THAT haben sie sich erst einmal eine Auszeit gegönnt. Sich mal aus dem Musikgeschäft auszuklinken und sich als junge Väter Zeit für ihre Kinder zu nehmen, war eine angenehme Zeit, erinnerte er sich. „Wenn man in der Maschinerie drin ist, tourt man, ist ständig dabei, neue Fans zu gewinnen, Promoter zu treffen und neue Gigs klar zu machen. Das ist eine unbarmherzige Arbeit und es war schön, dem Ganzen für eine Weile mal den Rücken zu kehren,“ sagte er und fuhr fort, „Das Musikgeschäft ist hart. Es ist ein wunderbarer Beruf, der viel Spaß bringt, aber er hat eben auch seine Höhen und Tiefen.“

Nun sind sie zurück. Im Privatclub stellten sie ihr neues Material vor. Auf „All of the time“ folgten „Good friend“, von ihrem Album PARC AVENUE, und „Off the water“. Erst dann begrüßte der Sänger das Publikum und sagte den nächsten Song an: das bedächtige „Flowers“. Plants And Animals, die an dem Abend noch einen Bassisten dabei hatten, waren zurückhaltend und interagierten wenig mit dem Berliner Publikum. Dafür bedarf es der Energie der anwesenden Leute, die bis auf wenige Zurufe ebenfalls zurückhaltend waren. Anders war das bei ihrem letzten Auftritt in Polen, erinnerte sich Warren Spicer: „In einem kleinen Club in Polen war das Publikum gut drauf und wir waren sehr aufgeregt und bei der Sache. Es fühlte sich gut an, einige Songs und Momente hinauszuzögern und mehr Energie in sie zu legen.“

Die steigende Wärme im zunehmend gut besuchten Club war Warren Spicer anzusehen. Nic Basque sorgte mit seinen Füßen dafür, dass der gesamte Sound, den sie in ihrem Album untergebracht haben, es auch auf die Bühne schaffte, d.h. Streicher und Trompeten, ja nahezu ein gesamtes Orchester. „Es ist ein Ausschmücken dessen, was wir für gewöhnlich tun. Wenn man es dann weg lässt, ist das keine große Sache. Man vermisst es nicht besonders. Einige Elemente haben wir auf Synthesizern von Nic eingespielt,“ verriet Warren Spicer vorab. Plants And Animals haben die markanten Streicher in „No worries gonna find us“ einfach eingespielt und so getan, als würden sie deren Spiel dirigieren, ohne dass sie auf der Bühne präsent waren. Und dann neigte sich ihr Auftritt auch schon dem Ende. Gerne hätte der eine oder andere aus dem Publikum noch eine Zugabe gehört, z.B. einen Song von ihrer EP PASSED OUT FROM THE WALTZING, die sie ein paar Monate nach ihrem Album herausgebracht haben. Darauf sind die Songs vereint, die vorhanden waren, es aber nicht auf den Longplayer geschafft haben. „Wir haben uns nach einer Weile gesagt, dass wir sie auf eine EP packen und einfach veröffentlichen. Wenn man ein Album zusammenstellt, ist das ein seltsames Unterfangen. Es ist wie ein Puzzle, in dem ein Teil einfach irgendwie nicht passt, aber nicht weil es nicht gut ist. Sie haben aus irgendeinem Grund einfach nicht in die Geschichte gepasst“, erklärte Warren Spicer. Vielleicht kommen sie das nächste Mal als Headliner zurück. Die Bedingungen sind für die Kanadier hierzulande jedenfalls toll, hob der Sänger hervor, denn in ihrem Heimatland sind Plants And Animals mehrere Stunden mit dem Auto unterwegs, bevor sie in der nächsten Stadt sind.

Eine halbe Stunde nach ihrem Auftritt traten The Dears vor den gut besuchten Saal. Vor zwei Jahren ist ihr sechstes Album TIMES INFINITY VOLUME ONE erschienen. Und weil zur Zeit eben einiges an guter Musik in die Hauptstadt kommt, findet am 12. März 2017 das nächste Berlinkonzert eines Musikers aus Montréal statt: Leif Vollebekk kommt mit seinem Album TWIN SOLITUDE ins Lido.

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